Arcangelo Sassolino
<i>Conflitti</i>
November 10 – December 21, 2018
Installation view
Arcangelo Sassolino
<i>L'ineluttabilità</i> (Detail), 2018
Glass and steel
225 x 53,6 x 50 cm
Arcangelo Sassolino
<i>L'ineluttabilità</i>, 2018
Glass and steel
225 x 53,6 x 50 cm
Arcangelo Sassolino
<i>L'ineluttabilità</i> (Detail), 2018
Glass and steel
225 x 53,6 x 50 cm
Arcangelo Sassolino
<i>L'ineluttabilità</i> (Detail), 2018
Glass and steel
225 x 53,6 x 50 cm
Arcangelo Sassolino
<i>Conflitti</i>
November 10 – December 21, 2018
Installation view
Arcangelo Sassolino
<i>Senza titolo</i>, 2008–2016
Steel, wood, hydraulic system
Variable size
Arcangelo Sassolino
<i>Senza titolo</i> (Detail), 2008–2016
Steel, wood, hydraulic system
Variable size
Arcangelo Sassolino
<i>Piccolo Animismo</i>, 2018
Intermediate Bulk Container, hose, turbine
Variable size
Arcangelo Sassolino
<i>Piccolo Animismo</i>, 2018
Intermediate Bulk Container, hose, turbine
Variable size
Arcangelo Sassolino
<i>Piccolo Animismo</i>, 2018
Intermediate Bulk Container, hose, turbine
Variable size
Arcangelo Sassolino
<i>I.U.B.P.</i>, 2018
Tire, ratchet strap
73 x 69 x 23 cm
Arcangelo Sassolino
<i>I.U.B.P.</i> (Detail), 2018
Tire, ratchet strap
73 x 69 x 23 cm
Arcangelo Sassolino
<i>I.U.B.P.</i> (Detail), 2018
Tire, ratchet strap
73 x 69 x 23 cm
Arcangelo Sassolino
<i>Senza titolo (Cemento I)</i>, 2017
Black concrete, steel
65 x 63 x 13 cm

Am 9. November 2018 eröffnen wir unsere erste Einzelausstellung mit Arcangelo Sassolino (*1967 in Vicenza, wo er auch lebt und arbeitet). Es ist – nach seiner großen Einzelausstellung im Frankfurter Kunstverein in 2016 – seine erste Einzelausstellung im Westen Deutschlands. 

Der international verständliche Titel der Ausstellung – Conflitti – deutet eine politisch-gesellschaftliche Dimension an, die gerade in unseren aktuellen Zeiten Relevanz hat. Und diese Dimension ist an den drei Werken der Ausstellung auch abzulesen. Gleichwohl funktionieren sie zunächst und vor allem als neue Lösungen für Skulptur.

Die offensichtlich konfliktreichste Arbeit besteht aus einem hydraulischen System, Stahlseilen und einem sehr stabilen Holzbalken. Die hydraulische Mechanik drückt eine Kolbenstange aus einem Zylinderkolben gegen den Holzbalken. Er wird von starken Stahlseilen gehalten. Und zwar so lange und mit so viel Gewalt, daß der Balken nach geraumer Zeit bricht. Er bricht aber nicht ad hoc, sondern nach physisch spürbarer Gegenwehr, mit vielen knackenden, knisternden und lauten Geräuschen. Zunächst wird das Holz eingedellt, dann verschieben sich durch den Druck seine Jahresringschichten, dann schließlich reißt und splittert das Holz. Während dieses ganzen Prozesses sind die Gewalt und die rohe, unbeirrbare Kraft hörbar, sichtbar, generell: spürbar. 

Die 225 cm hohe Säule aus zahlreichen 12 mm starken Industrieglasplatten, die uneben geschnitten sind, wird nur durch einen Schraubstock zusammengehalten. Dabei trägt jedes Element dieses labilen, massiven Glasturmes zur Stabilität der Skulptur bei. Ohne ihre Breite und Tiefe würde sie nicht stehen, genauso wenig wie die Glasplatten ohne den Schraubstock in der Vertikale bleiben könnten. Ein Konflikt, der lateinische Ur-sprung des Wortes enthält die Worte "con" ("mit") und "fligere" ("schlagen", "prallen"), ist vor allem in der mechanischen Funktionsweise zu sehen. Ohne daß die Glasplatten zusammengeprallt sind (es ist im Grunde eher ein Zusammenstehen) kann die Skulptur nicht existieren. Vielleicht eine Metapher für die (hier) positiv wirksam werdenden Kräfte, die zusammenspielen. 

Bei der dritten Arbeit der Ausstellung, die aus der Blase eines ca. 100 x 100 x 100 cm großen, sogenannten Intermediate Bulk Containers, Schläuchen und einem Ventilator besteht, wird die Blase durch den Ventilator rhythmisch leergesaugt und wieder aufgeblasen. Wenn die Luft herausgesaugt wird, wird der Kubus zum zusammengeknüllten Gegenstand, wie ein Tetrapak, der nach Entleerung im Müll landet. Und wenn die Luft hineingeblasen wird, gibt es den Moment der größten Füllung, die aus dem Kubus fast einen Ball werden läßt. Der industrielle und – ohne Sassolinos Eingriff – im Grunde hochstabile Gegenstand wird dabei quasi zum Spielball der Luft und des Ventilators und der dabei entstehenden Kräfte. Es kämpfen also, wenn man so will, der Ventilator und der Kunststoffgegenstand gegeneinander.

In allen drei Arbeiten werden Materialien direkter Krafteinwirkung ausgesetzt, Kraft wird dabei als physische Größe sicht- und erfahrbar, eine Größe, die in diesen Arbeiten unvermeidbar und unausweichlich ist. Und dadurch, also: durch diese ästhetische Umsetzung von Physis beziehen sich die Arbeiten auf die und unterscheiden sich von den Werken auf die sich Sassolino kunsthistorisch bezieht: zum einen existieren natürlich Bezüge zur Arte Povera Italiens. Auch die Materialien Sassolinos, sind "arm" und "einfach": Glasplatten an und für sich sind kein besonderes Material, Holzbalken auch nicht und ebenso kann man dies von Kunststoff-Containern sagen. Im Unterschied aber zur Arte Povera werden diese armen Materialien nicht mit persönlicher Bedeutung oder gar Emotionen oder Erinnerungen aufgeladen. Vielmehr sind es vor allem stark reduzierte Prozesse, die sichtbar gemacht werden. Und insoweit besteht auch der Bezug zur Minimal Art und zur Process Art. Nur daß bei Sassolino die unmittelbare Krafteinwirkung sichtbar gemacht wird und es nicht vor allem um die Lesbarkeit der Form geht. Am meisten ist das vielleicht mit Richard Serra zu vergleichen. Sassolino allerdings zeigt diese Krafteinwirkung mit diversen Materialien. Mit seinen Formen, die Quader der Glasplatten und des Holzes sowie der Kubus des Containers, referiert Sassolino jedoch auf die Quader und Kuben der Minimal Art. Nur: bei ihm werden diese Figuren brutal verändert und aus der Form geschlagen.

Sassolinos Umgang mit Materialien und Formen hat natürlich auch eine politisch-gesellschaftliche Seite. Und dafür kann der Ausstellungstitel als Anknüpfungspunkt herangezogen werden. Heraklit beschrieb den Konflikt, den Krieg als den Vater aller Dinge, der Wandel und Entwicklung ermögliche. Für Sassolino dienen seine Skulpturen jedoch mehr als metaphorische Spiegel der gesellschaftlichen Situation in der wir uns befinden: Konflikte als unvermeidliche Konstante der "Conditio Humana" lassen sich allenthalben feststellen. In der Politik, der Gesellschaft, in der Wirtschaft, zwischen Nationen oder auch in Beziehungen. Diesen Bedingungen des Lebens verleiht Sassolino seine Stimme. Und zwar, wie er es sagt, in dem er sich bei der Industrie bedient, um existenzielle Fragen zu erörtern. 


Für weitere Informationen und / oder Abbildungen wenden Sie sich bitte an die Galerie.

On November 9, 2018 we will open our first solo exhibition with Arcangelo Sassolino (*1967 in Vicenza, where he also lives and works). Following his major solo exhibition at the Frankfurter Kunstverein in 2016, it is his first solo exhibition in Western Germany.

The internationally understandable title of the exhibition – Conflitti – suggests a political and social dimension that is relevant especially in our current times. And this dimen-sion can also be seen in the three works in the exhibition. Nevertheless, they function first and foremost as new solutions for sculpture.

The obviously most conflict-laden work consists of a hydraulic system, steel cables and a very strong wooden beam. The hydraulic mechanism presses a rod from a cylinder piston against the wooden beam, which is held by strong steel cables. And that for so long and with so much force that the beam breaks after some time. However, it does not break ad hoc, but after physical resistance, with many crackling, rustling and loud noises. First the wood is dented, then its annual ring layers shift due to the pressure, then finally the wood tears and splinters. During this whole process, the violence and the raw, unwavering power are audible, visible, in general: perceptible. 

The 225 cm high column of many thick industrial glass plates, that are unevenly cut, is on¬ly held together by a vice. Each element of this labile, massive glass tower contributes to the stability of the sculpture. It would not stand without its width and depth, nor would the glass plates remain vertical without the vice. A conflict, the Latin origin of the word contains the words "con" ("with") and "fligere" ("beat", "bounce"), is to be seen above all in the mechanical mode of operation. The sculpture cannot exist without the glass plates having collided (it is basically a matter of standing together). Perhaps a metaphor for the (here) positive forces that become effective in the interplay. 

In the third work of the exhibition, which consists of the bubble of a so-called Intermediate Bulk Container measuring approx. 100 x 100 x 100 cm, hoses and an impeller, the bubble is rhythmically sucked out and inflated again by the impeller. When the air is sucked out, the cube becomes a crumpled object, like a Tetrapak, which ends up in the garbage after emptying. And when the air is blown in, there is the moment of the largest filling, which almost turns the cube into a ball. The industrial and – without Sassolino's intervention – basically highly stable object becomes the plaything of the air and the fan and the resulting forces. So, if you want, the fan and the plastic object fight against each other. 

In all three works, materials are exposed to direct forces, force becomes visible and perceptible as a physical quantity, a quantity that is unavoidable and inevitable in these works. And thus: through this esthetic realization of physis, the works refer to and differ from the works to which Sassolino art-historically refers: on the one hand, of course, there are references to the Arte Povera of Italy. Sassolino's materials, too, are "poor" and "simple": glass plates are not a special material in themselves, nor are wooden beams, and the same can be said of plastic containers. In contrast to Arte Povera, however, these poor materials are not charged with personal meaning, emotions or memories. Rather, it is above all strongly reduced processes that are made visible. And in this respect there is also a reference to Minimal Art and Process Art. The difference is that Sassolino makes the direct effect of force visible and that it is not primarily about the legibility of form. This is perhaps most comparable to Richard Serra. Sassolino, however, shows this effect of force with various materials. With his forms, the cuboids of the glass plates and the wood as well as the cube of the container Sassolino refers to the cuboids and cubes of Minimal Art. But in Sassolino's work, these figures are violently changed and removed from their form. 

Sassolino's handling of materials and forms naturally also has a political and social side. And the title of the exhibition can be used as a starting point for this. Heraclitus described the conflict, the war as the father of all things, which makes change and development possible. For Sassolino, however, his sculptures serve more as metaphorical mirrors of the social situation in which we find ourselves: Conflicts as an inevitable constant of the "Conditio Humana" can be found everywhere. In politics, in society, in the economy, between nations or even in relationships. Sassolino gives his voice to these conditions of life. And this, as he says, by using the industry to discuss existential questions. 


For more information and / or images, please contact the gallery.