Shoja Azari
<i>Untitled</i> (from the series <i>Odyssee</i>), 2008
Digital C-print
105,5 x 133,5 cm
Edition of 5
Shoja Azari
<i>Untitled</i> (from the series <i>Odyssee</i>), 2008
Digital C-print
105,5 x 133,5 cm
Edition of 5
Shoja Azari
<i>Untitled</i>(from the series <i>Odyssee</i>), 2008
Digital C-print
75,5 x 159 cm
Edition of 5
Shoja Azari
<i>Untitled</i>(from the series <i>Odyssee</i>), 2008
Digital C-print
105,5 x 133,5 cm
Edition of 5
Shoja Azari
<i>Untitled</i>(from the series <i>Odyssee</i>), 2008
Digital C-print
75,5 x 159 cm
Edition of 5

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Kalt glänzende weiße Kacheln, ein Schlachthaus, alte Häute, die sich Stofffetzen gleich in den Gittern eines verrosteten Käfigs verfangen, endlose Reihen spitz aufragender Haken – Zeugen unvorstellbarer Grausamkeit? In seinem neuen Film Odyssee führt uns der in den USA lebende Iraner Shoja Azari an einen Ort apokalyptischer Zerstörung, der auf den ersten Blick an die erschütternden Bilder aus dem zerbombten Irak erinnert. Während die Kamera vom fernen Klang eines Cellos (Maya Beiser) begleitet durch die endlos erscheinenden Flure schwebt, hören wir als Voice Over das Gedicht Thus spoke earth (Iran, 1992), des iranischen Dichters Ahmad Shamlou, das auf Farsi von einem Zwiegespräch zwischen der Erde und dem Menschen am Ende aller Tage erzählt. In bilderreicher Sprache beklagt sich darin die als geschändete Geliebte auftretende Erde bei dem Menschen über die Missachtung ihrer grenzenlosen Liebe und Güte, was letztlich nicht nur zur Zerstörung ihrer selbst, sondern vor allem auch zur Vernichtung der Menschheit führe.

Der Film beginnt mit einem Schwenk über das zerstörte Gebäude und einer Reihe mit festen Einstellungen, die den von Fernsehnachrichten geprägten Reportageschnitt adaptieren. Der vertraute Stil wiegt den Betrachter in vermeintlicher Sicherheit und verweist zugleich auf die Abstumpfung, die wir als Konsumenten einer portionierten Weltrealität durch die tägliche, immer in gleichen Bildern sich wiederholende Berichterstattung erleiden. Nach kurzer Zeit aber bricht Azari die distanzwahrende Bilderfolge auf und rhythmisiert die Darstellung mit seiner dynamischen Kameraführung. Wir beginnen das Gesehene neu zu lesen und lassen dabei unsere Wahrnehmung der Szenerie von den Bewegungen der Kamera leiten. Mal lässt sie uns staunend innehalten vor der Rohheit der vermeintlichen Folterinstrumente, mal rast sie mit uns flüchtend durch grasüberwucherte Gänge, mal lässt sie uns durch den zentralperspektivischen Bildaufbau bei konstanter, träger Vorwärtsbewegung die industrielle Unaufhaltsamkeit der verlassenen Tötungsmaschinerie beinahe körperlich empfinden. Die Unausgesprochenheit des Geschehenen ermutigt uns, genauer hinzusehen. Der Blick öffnet sich für groteske Details, wie ein Einbahnstraßenschild inmitten der Ketten und Fleischhaken. Erst ganz zum Schluß des Filmes gibt der Künstler die dokumentarische Regieführung auf und bestätigt mit einer durch ihre Stille besonders eindringlichen Szene das zuvor nur Erahnte.

Angesichts der unvorstellbaren Verbrechen im 20. Jahrhundert stellen sich Künstler und Intellektuelle schon seit über 50 Jahren die Frage nach der bloßen Möglichkeit eines die Geschicke der Menschen begleitenden Gottes. Mit seinem Film Odyssee führt Azari diese existentiellen Zweifel in die Welt des 21. Jahrhunderts.

In eine globalisierte Welt, in der die Fronten nicht mehr zwischen Ost und West, sondern zwischen Nord und Süd, zwischen Erster und Dritter Welt oder auch zwischen islamischer und christlicher/jüdischer Kultur verlaufen. Besser gesagt führt er uns in eine Welt, in der die Konflikte, die unsere Gegenwart bestimmen, beendet sind und nur dunkle Erinnerungen und Assoziationen den Betrachter die verwaisten Hallen einer ehemaligen Fleischfabrik in Marokko mit Leben füllen lassen. Aus der Perspektive einer unbemannten Überwachungsdrohne, die die Menschheit überdauert hat und jetzt die Überreste der Zivilisation sondiert, führt uns Azari an einen Ort, an dem die archaische Brutalität, die uns in den Enthauptungsvideos islamischer Terroristen entgegenschlägt, der technisierten Folterkultur des christlich/ jüdischen Westens (Guantanamo) zu begegnen scheint, einen Ort, wie er vielleicht von der US-Armee im Irakkrieg mit der Fortsetzung der Foltertradition in Abu Ghraib geschaffen worden ist.

Doch Azari geht es gerade nicht um eine einseitige politische Stellungnahme, eine Anklage im Sinne einer moralischen Legitimierung der einen oder anderen Seite. Wenn er etwa mit den Worten Shamlous die Erde zum Menschen sagen lässt, "Heavens, that swindler teaches you that justice is more important than love!", ist das viel eher als radikal pazifistische Absage an jegliche durch Gewalt hervorgegangene Rechthaberei zu verstehen. Es ist ein Verweis auf das fatale Wirken einer nur vorgeblich religiösen Moral als Ursprung schrecklichster Zerstörung.

Azari geht aber noch darüber hinaus, nur die Auslegung der Religionen in Frage zu stellen. Mit "Alas! If love were in rein, there would be no cruelty to be a need for justice!", stellt er die grundsätzliche Wirkungsmacht der Religionen in Frage, wie sie eben auch schon nach dem Holocaust in Frage gestellt wurde. Doch während sich die Schrecken des Nazi-Terrors noch einem Volk oder einer Gesinnung zuordnen ließen, was es der restlichen Menschheit ermöglichte sich weiterhin unschuldig zu fühlen und an das Gute der jeweils eigenen Kultur zu glauben, hat der Terror des 21. Jahrhunderts die Einteilung der Welt in Gut und Böse unmöglich gemacht. Wenn heute selbst der sogenannte freie Westen gezwungen ist, seine Vorstellung von Moral um die Möglichkeit physischer Folter zu ergänzen, ist die allgemeingültige Moral eines "Was du nicht willst, das man dir tu, das füg' auch keinem anderen zu!", einer situativen, sich immer an der vermeintlichen Notwendigkeit einer jeweiligen Situation orientierenden Moral gewichen.

Die Konsequenz dieser Neuausrichtung ist das faktische Ende einer gottgegebenen und universal gültigen Gesetzgebung. Folgt man Azari soweit, ist es dem Menschen nicht gelungen, seine Odyssee durch die Zeitalter in den Erlösung versprechenden Armen seiner Penelope zu beenden. Die Fahrt führt ihn weiter, doch von jetzt an ohne Steuermann. Mit der einfachen, aus den drei Ebenen Kamerafahrten, Cello und Text bestehenden Struktur seines Werkes knüpft Azari an die Arbeitsweise in seinen früheren Filmen an, in denen er stets darum bemüht war, den Einsatz filmischer Mittel mehr und mehr zu reduzieren. Hatte er in der Serie der Window Kurzfilme (2006) neun verschiedene Geschichten auf den kurzen Moment vor der dramaturgischen Climax gekürzt und diese dann ohne Schnitt in einer Einstellung gedreht, reduziert er in Odyssee die Inszenierung zunächst auf die Bewegung der Kamera. Die unterschiedlichen Ebenen von Bild, Text und Musik begleiten und ergänzen sich, reißen Brüche und laden sich gegenseitig mit Bedeutung auf, bis in der letzten Szene doch noch ein Mensch auftaucht und mit einer einzigen, "letzten" Handlung alle düsteren Erwartungen erfüllt: mit schwerem Schritt schiebt er einen weiß verhüllten Leichnam durch die große Halle um ihn neben anderen weißverhüllten Körpern aufzubahren.

Azari wurde 1958 in Shiraz, Iran, geboren, er emigrierte 1983 und lebt heute in New York. Bislang machte sich Azari einen Namen vor allem durch seine Featurefilme (u.a. Maria do Los Angeles, 2003, und K, 2002), die er auf bedeutenden internationalen Filmfestivals zeigte (Tribeca Film Festival und Festival del Cinema di Locarno, 2006; Gutek Poland International Film Festival, 2004; Belgrade International Film Festival, 2002–2003; IFP Los Angeles International Film Festival, 2003; Moscow International Film Festival, 2003; Venice International Film Festival, 2002; Thessaloniki International Film Festival, 2002).
Überdies arbeitet Azari seit 1997 eng mit der iranischen Künstlerin Shirin Neshat zusammen und wirkte an zahlreichen Videoinstallationen, wie zum Beispiel Turbulent, der den Goldenen Löwen der Biennale in Venedig gewann (1998), Rapture (1999), Fervor (2000), Passage (2001), Possessed, Tooba (2002), The Last Word (2003), Mahdokht (2004) und kürzlich Zarin (2005) mit.

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White tiles, sterile and cold; a slaughterhouse; discarded animal hides piled high inside the rusted bars of an old cage; endless rows of sharp, upturned hooks – evidence of unimaginable cruelt? In his newest film Odyssee, the Iranian-born Shoja Azari leads us through a scene of post-apocalyptic ruin, which at first glance is reminiscent of the harrowing images of war-torn Iraq.

While the camera moves along a series of seemingly endless passageways, accompanied by the far off sounds of a cello playing (Maya Beiser), we hear a voice-over of the Farsi-poem Thus spoke Earth (1992) from the Iranian poet Ahmad Shamlou, telling the story of a conversation between man and the Earth during the End of Days. The Earth mourns in poignant verse man’s betrayal of her boundless love and devotion, which aside from injuring the Earth, has ultimately lead to the extinction of mankind itself.

The film begins with a pan across the façade of the crumbling building and then follows with a series of still shots, invoking of the earnest camerawork of TV news segments. This trusted style coddles its viewer into a sense of security and at the same times manages to refer to the dulling of modern day sensibilities suffered as a result of the constant consumption of this type of apportioned reality. Azari then breaks with this sequence of distant images and introduces a new rhythm to his account with dynamic camerawork. We begin to read the scene differently and allow the movements of the camera to lead our changing perceptions of the scenery. At times we are left to examine the rawness of the slaughterhouse's various instruments of torture, at others we are wisked along paths overgrown with weeds and grass, still yet we follow the building’s central corridor to the relentlessly steady pace of its abandoned, killing machinery. Grotesque details emerge, like a one-way sign amongst the chains and meat-hooks. It is only at the end of the film that the artist abandons this ascetic, documentary-like direction to confirm with a scene, remarkable for how haunting it is, what is previously only hinted at.

In light of the unimaginable crimes of the 20th Century, artists and intellectuals have questioned the reality of a god who would have accompanied mankind through such atrocities. With his film, Odyssee, Azari brings these existential doubts to the world of the 21st Century – a globalized world in which the front no longer runs East/West, but North/South, between First and Third Worlds, between Islamic and Judeo-Christian cultures.

Better said, Azari introduces us to a world where the conflicts, which have shaped our present, are long gone, where a trip through the halls of a former slaughterhouse is what is required to allow vague remembrances and associations to be brought to life. From the emotionless perspective of an unmanned surveillance drone, which has survived the fall of mankind and is left to probe the remains of a fallen civilization, Azari leads us to a place of ancient brutality, whose presence we recognize in videos of Islamistic terrorists beheading their victims and in the sanitized technologies of torture used in the Christian West (Guantanamo), a tradition of cruelty revived in the prisons of Abu Ghraib. However for Azari, who lives in the United States, it isn't about taking a political position and legitimizing the moral grievances of one side against the other.

The Earth's denunciation to man in the words of Shamlou's poem that "Heaven, that swindler, teaches you that justice is more important than love!", is much more a statement of radical pacifism than a justification for the use of force to achieve that which is seen to be just. It is a reference to the fatal consequences of supposed religious morality as the cause of unconscionable destruction. However Azari goes beyond questioning that which religion has been sought to justify. With "Alas! If love were in rein, there would be no cruelty to be a need for justice!", he questions the fundamental efficacy of religion itself, in the same way as it was questioned after the Holocaust.

While the horrors of the Nazi-Terror were easily associated with a particular people and attitude and allowed the rest of the world to revel in its own comparative righteousness, the terror of the 21st Century has made such a clear separation of the world into good and evil parts impossible. When today even the so-called Free World must order its ideas of morality to allow for the use of torture, the Golden Rule of "do unto others as you would have them do unto you" becomes subservient to a relative morality applied on a case by case basis according to the perceived necessity of the situation.

The consequence of this new order is the ostensible end of a god-given, universally applicable moral code. To follow Azari's argument further, mankind wasn't able to complete its Odyssee through the ages and reach salvation in the awaiting arms of its Penelope. Its path goes further, but now without any guiding direction.

With the bare, three-tiered structure of camerawork, cello, and text, Azari connects with the work of his previous films where he endeavored to reduce each film to its most essential elements. If it can be said that in Window, a series of short films (2006), he had shortened nine different stories to the moment before the dramatic climax and then filmed these without cuts, then in Odyssee the production of the entire piece may be reduced to the movement of the camera. The layers of text, picture and music accompany and lend each other meaning, until finally in the last scene a person appears and, with a single, final deed, fulfills all grim expectations: with heavy steps he pushes a veiled corpse through the immense hall to deposit him among a waiting mass of covered bodies.

Azari was born in 1958 in Shiraz, Iran, emigrated in 1983, and has since been living in New York. Up until this point, Azari has made a name for himself mostly through his feature film work (including Maria do Los Angeles, 2003, and K, 2002), which have been shown at various international film festivals (Tribeca Film Festival and Festival del Cinema di Locarno, 2006; Gutek Poland International Film Festival, 2004; Belgrade International Film Festival, 2002 – 2003; IFP Los Angeles International Film Festival, 2003; Moscow International Film Festival, 2003; Venice International Film Festival, 2002; Thessaloniki International Film Festival, 2002).

In addition, Azari has been collaborating closely with the Iranian artist Shirin Neshat since 1997 in, for example, Turbulent, which won the Golden Lion of the Biannual Film Festival in Venice (1998), Rapture (1999), Fervor (2000), Passage (2001), Possessed, Tooba (2002), The Last Word (2003), Mahdokht (2004) and most recently Zarin (2005).

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