Wir freuen uns sehr, in unserer kommenden Ausstellung Futures Werke von Corinna Schnitt zeigen zu können, die sich sämtlich dem titelgebenden Thema widmen. Es sind u.a. drei Filme aus den Jahren 2003 (Das nächste Mal), 2004 (Living a Beautiful Life) und 2015 (Vollendete Zukunft). Sie zeigen, wie nachhaltig Schnitt sich mit "Zukunft" in ihrem Œuvre auseinandersetzt. Alle Arbeiten führen uns eine mögliche oder gewünschte oder erlebte Zukunft vor Augen. Dem Film Vollendete Zukunft geben wir durch seine großformatige Projektion in unserem unteren Ausstellungsraum erstmals ein angemessenes Forum.

Für Vollendete Zukunft hat Schnitt eine Drohne über und um das Rathaus in Marl, das mit seinem Skulpturenmuseum Glaskasten Satellit bei Skulptur Projekte Münster 2017 war, fliegen lassen. Eine Kamera filmt das einstmals utopisch angelegte, aber inzwischen heruntergekommene Gebäude, das also selbst eine "vergangene Zukunft" verkörpert. Zufällig anwesende Personen unterschiedlichen Geschlechts und Alters kommen ins Bild, ebenso wie acht von Schnitt eingesetzte Protagonisten, die sich mit Megaphonen Sentenzen zuzurufen scheinen. Diese Sätze, die in der im deutschen Sprachgebrauch längst ungewöhnlichen Zeitform Futur 2 gesprochen werden, sind in Voiceover über die Szene gelegt. Dabei werden die das Megaphon haltenden Schauspieler nie sprechend gezeigt, und ihre Stimmen korrespondieren nicht mit den Bildern. Durch diesen Kunstgriff verallgemeinert Schnitt die getroffenen Aussagen: Sie gelten für alle, die den Film sehen, ebenso für diejenigen, die in Marl mit Megaphonen auf dem Rathausplatz stehen oder dort als Passanten zufälligerweise anwesend sind. 

Bei genauem Hinsehen und -hören wird schnell deutlich, daß viele Sätze aber präzise auf eine filmische Situation bezogen sind. So wird etwa von einem Lottogewinn gesprochen, während die Kamera einen hässlichen Häuserblock filmt. Oder es heißt, „Du wirst sehr glücklich gewesen sein“, während eine Gruppe älterer Menschen mit dem Rollator vorbeizieht. Einer auf dem Platz abhängenden Gruppe Jugendlicher verheißt die Stimme: „Du wirst sehr erfolgreich gewesen sein“ und „Du wirst in großen Häusern gewohnt haben". Gegen Ende des Films folgt eine Art möglicher Lebensrückblick: "Bis zum Ende werden wir alle sehr glücklich gewesen sein", "Es wird ein langes, erfülltes Leben gewesen sein", während wir eine junge Mutter sehen, die ihre Kinder auf einem Spielplatz beaufsichtigt. Sie wissen noch nicht, daß sie eines Tages zurückblicken werden. Solche bewegenden Formulierungen, die sich auch als Memento Mori verstehen lassen, werden mitunter ironisch aufgelockert. So wird die Feststellung: "Sie werden wieder nur über Belanglosigkeiten geredet haben" durch einen Reigen von Fragen zum Essen, wie "Was wird die Mutter gekocht haben?" unterbrochen.

Während Vollendete Zukunft uns Möglichkeiten aufzeigt, wie wir in Zukunft über unsere Leben denken könnten, wird in unserem zweiten Film, Das nächste Mal, die unmittelbare Zukunft der beiden Kinder, die hier nun Protagonisten sind, thematisiert. Noch sind sie für den Dialog, den sie führen, zu jung; die Diskrepanz zwischen ihren jungen, kurz vor der Pubertät stehenden Körpern und Stimmen zu den vorgetragenen Texten ist offensichtlich. Aber die klischeehafte Beziehung, die sich in diesen Texten spiegelt, droht den Kindern bereits; sie guckt gewissermaßen schon um die Ecke. Das Szenario spielt, wie sich gegen Ende des Filmes zeigt, im Rahmen einer überzivilisierten Welt, nämlich auf einer riesigen, begrünten Verkehrsinsel in Eindhoven. Im Grunde ist das derselbe städtebauliche Kontext, wie er in Vollendete Zukunft aus der Rücksicht geschildert wird. Schnitt schafft so ein in spießige Klischees gebettetes regelrechtes Horrorszenario, dem die Kinder "ausgesetzt sein werden".

Ganz anders geht es den Protagonisten von Living a Beautiful Life, dem dritten Film unserer Ausstellung. Hier sehen wir einem erfolgreichen US-amerikanischen weißen Ehepaar dabei zu, wie es sein Leben und die gemeinsam errungenen Erfolge genießt und preist. Der Film hätte auch As Good As It Gets genannt werden können, so fabelhaft ist die geschilderte Situation. Aber: die Szene ist gestellt. Schauspieler sprechen ein von Corinna Schnitt verfasstes Skript. Es beruht auf den Antworten von Teenagern aus Los Angeles, die sie ihr auf die Frage nach ihren Vorstellungen, Träumen und Wünschen bezüglich ihrer eigenen Zukunft gegeben haben. Mit diesem Wissen wirkt der vermeintliche Erfolg des Ehepaares und seiner konsumorientierten Sicht auf die Welt eher irritierend, ja beängstigend.

Schnitt hat solche Statements von Jugendlichen sowohl in Los Angeles, als auch in Köln gesammelt und wir werden davon eine Auswahl von 20 zeigen. Dabei ist bemerkenswert, daß sich die Statements der Jugendlichen aus Köln nicht so sehr von denen ihrer kalifornischen Altersgenossen unterscheiden. Am Ende der Ausstellung erscheint ein Künstler-buch mit Faksimiles solcher Statements. 

 

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We are very pleased to be able to show works by Corinna Schnitt in our upcoming exhibition Futures, which will all be devoted to the theme that gives the show its title. These include three films from 2003 (Next Time), 2004 (Living a Beautiful Life) and 2015 (Future Perfect). They prove how Schnitt is dealing continuously with the "Future"-topic in her oeuvre. All works present us with a possible or desired or experienced future. The film Future Perfect is shown in a suitable forum for the first time by being projected in large scale in our lower exhibition space.

For Future Perfect Schnitt has made a drone fly over and around the town hall of Marl (Germany), which – with its sculpture museum Glaskasten – was part of Skulptur Projekte Münster 2017. A camera films the once utopian but now dilapidated building, which itself represents a "past future". Randomly present persons of different sexes and ages come into the picture, as do eight protagonists employed by Schnitt, who seem to call out sentences to each other with megaphones. These sentences, spoken in the time form Future Perfect, which since long is barely used in the German language, are heard in Voiceover. The actors holding the megaphones are never shown speaking, and their voices do not correspond with the images. Through this, Schnitt generalizes the statements made: they apply to everyone who sees the film, as well as to those who stand in Marl with megaphones on the town hall square or who happen to be passers-by there. 

On closer inspection and listening, it quickly becomes clear that many sentences are precisely related to the respective situation in the film. For example, there is talk of a lottery win while the camera is filming an ugly block of houses. Or it says, "You will have been very happy", while a group of elderly people, pushing walking aids, passes by. A group of youths hanging out on the square is promised by the voice: "You will have been very successful" and "You will have lived in big houses". Towards the end of the film follows a kind of possible life review: "Until the end we will all have been very happy", "You will have lived a long, fulfilled life", while we see a young mother looking after her children on a playground. They do not know yet that one day they will look back. Such agitating formulations, which can also be understood as Memento Mori, are sometimes ironically broken. Thus the statement: "They will again have only talked about trivialities " is countered by a series of questions about food, such as "What will mother have cooked?"

While Future Perfect shows us possibilities of how we might think about our lives in the future, our second film, Next Time, deals with the immediate future of the two children who are now protagonists. They are still too young for the dialogue they are engaged in; the discrepancy between their young bodies, which are about to reach puberty, and their voices to the texts they present is obvious. But the clichéd relationship that is reflected in these texts is already threatening the children; in a sense, it is already luring around the corner. The scenario, as the film shows towards the end, takes place in the context of an over-civilized world, namely on a huge, green traffic island in Eindhoven. Basically, this is the same urban context as it is portrayed in Future Perfect. In this way, Schnitt creates a downright horror scenario embedded in bourgeois clichés, to which the children will be "exposed".

The protagonists of Living a Beautiful Life, the third film of our exhibition, are in a completely different situation. Here we watch a successful white US-American married couple enjoy and praise their lives and the successes they have achieved together. The film could also have been called As Good As It Gets, because the situation described is so fabulous. But: the scene is set. Actors speak a script written by Corinna Schnitt. It is based on the answers given by teenagers from Los Angeles to the question of their ideas, dreams and desires about their own future. With this knowledge, the presumed success of the couple and their consumer-oriented view of the world is rather misleading, even frightening.

Schnitt has collected such statements from young people both in Los Angeles and in Cologne and we will present a selection of 20 of them. It is remarkable that the statements of the young people from Cologne do not differ so much from those of their Californian peers. At the end of the exhibition, an artist book with facsimiles of such statements will be published.

 

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