Deutscher Ritualismus
Eine Ausstellung kuratiert von Ignacio Uriarte
mit Joseph Beuys, Anna & Bernhard Blume, 
Peter Dreher,
Hans-Peter Feldmann, Christian Jankowski, Jochen Lempert,
Peter Piller, Karin Sander, Corinna Schnitt

Opening on February 3, 2017 at 7 pm
Exhibition from February 4 to March 25, 2017

<i>Deutscher Ritualismus</i>
Eine Ausstellung kuratiert von Ignacio Uriarte
Installation view
<i>Deutscher Ritualismus</i>
Eine Ausstellung kuratiert von Ignacio Uriarte
Installation view
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Eine Ausstellung kuratiert von Ignacio Uriarte
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Eine Ausstellung kuratiert von Ignacio Uriarte
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Eine Ausstellung kuratiert von Ignacio Uriarte
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Eine Ausstellung kuratiert von Ignacio Uriarte
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<i>Deutscher Ritualismus</i>
Eine Ausstellung kuratiert von Ignacio Uriarte
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<i>Deutscher Ritualismus</i>
Eine Ausstellung kuratiert von Ignacio Uriarte
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Philipp von Rosen Galerie freut sich, am 3. Februar 2017 zwischen 19 und 21 Uhr die Ausstellung Deutscher Ritualismus zu eröffnen, welche von Ignacio Uriarte kuratiert wurde und Werke von Joseph Beuys, Anna & Bernhard Blume, Peter Dreher, Hans-Peter Feldmann, Christian Jankowski, Jochen Lempert, Peter Piller, Karin Sander und Corinna Schnitt präsentiert.

Die Ausstellung Deutscher Ritualismus ist durchzogen von Humor – einem elementaren und oft ignorierten Bestandteil deutscher Konzeptkunst. Es handelt sich um einen feinen Humor voller Poesie und ohne jeden Sarkasmus, der uns dazu bringen soll, über uns selbst zu lachen. Lachen über unsere Sehnsüchte und Zwänge, über das, was die Gesellschaft aus uns macht und über unseren Versuch aus gesellschaftlichen Konventionen herauszubrechen.

In der Ausstellung werden existierende, oftmals typisch deutsche Regeln, Gebräuche und Gewohnheiten portraitiert, parodiert, durchexerziert, ad absurdum geführt, gebrochen oder umgekehrt. Manchmal entstehen daraus neue Rituale, in denen die Künstler aus banalen Alltagshandlungen magische, alchemistische oder schamanische Kräfte ziehen, mit denen sie unsere Wahrnehmung der Welt, und damit die Welt selbst signifikant verändern.

Die Ausstellung teilt sich in zwei Bereiche: Der erste Bereich (Erdgeschoss) ist dokumentarischer Natur und präsentiert auf Fotografien und in Videos die Realität oder eine durch Aktionen veränderte Realität. Der zweite Bereich (Untergeschoss) ist wie ein ritualistischer Gebetsraum aufgebaut, in dem ein gesprochenes Mantra und serielle Bilder mit Kreismotiven den Besucher in einen transzendenten Zustand versetzen sollen.

Erdgeschoss

Corinna Schnitt erklärt uns ein vermeintliches Familienritual, das sie seit ihrer Kindheit zusammen mit ihren Eltern ein Mal im Monat in ihrem Heimatort durchführt: Nach einer systematischen Ordnung Straßenschilder putzen – eine Art Übererfüllung der bürgerlichen Pflichten, die auch als Huldigung der Straßenverkehrsordnung verstanden werden kann.


Christian Jankowski
tauscht für die Dauer einer Ausstellung die Straßenschilder der teuersten und billigsten Straßen Frankfurts aus und verwandelt damit durch einen minimalen Eingriff soziale Realitäten. Die Reaktion der Befragten zeigt unmissverständlich ihre Vorurteile, Hoffnungen und Ängste sowie ihr Selbstverständnis in Bezug auf Herkunft, Klasse und Wohnumfeld.


Beim routinierten Durchforsten regionaler Tageszeitungen im Rahmen eines Studentenjobs, beginnt Peter Piller, Fotos auszuschneiden und nach unterschiedlichen Kriterien zu gruppieren, die einen kleinbürgerlichen Verhaltenskodex erahnen lassen. Die Ähnlichkeiten der vermeintlich beiläufigen Gesten auf diesen Bildern verfestigt den Verdacht, dass wir unter dem Einfluss gelernter Rituale stehen.


Peter Piller
kaufte und klassi zierte ca. 20.000 Luftaufnahmen von Häusern aus den Jahren 1979 bis 1983. In der Serie Rasenmähen wird das wöchentliche Ritual der Gartenpflege dargestellt, das von vielen eher aus Pflichtbewußtsein als zum Spaß durchgeführt wurde. Das Suchen und Finden der menschlichen Figur auf dem Foto bewirkt jedoch beim Betrachter eine unerwartete, fast kindische Genugtuung.
Aus der Vogelperspektive wirkt das streifenförmige Schnittbild des Rasenmähers wie eine zeichnerische Bearbeitung der Landschaft.


Im Kontext eines kleinbürgerlichen Wohnzimmers führen Anna & Bernhard Blume von Konventionen und Scheu befreite Bewegungsabläufe durch, die wie ein wilder Tanz anmuten. Die vorherrschende Ordnung wird so stark aus dem Gleichgewicht gebracht, dass sowohl Gegenstände wie auch Künstler gleichzeitig zu schweben und zu fallen scheinen. Schaffensprozess und Zerstörung, Spießigkeit und totale Freiheit scheinen gleichzeitig und am gleichen Ort möglich.


Der Biologe Jochen Lempert lässt Glühwürmchen in der Dunkelkammer über den Foto-Film spazieren und fängt die Spuren (das Glühen als Lichtquelle) auf. Damit wird jede fotografische Konvention gebrochen: Der Film wird als Raum behandelt und auf eine fast alchemistische Art verwandelt.


Christian Jankowski
führt ein Ur-Ritual in einem kleinbürgerlichen Kontext durch: Im Supermarkt mit Pfeil und Bogen abgepacktes Essen jagen und anschließend an der Kasse bezahlen. Der Drang nach einem wilden, ursprünglicheren Leben scheint in diesem Beispiel mit den bürgerlichen Verhaltensregeln kompatibel.


Untergeschoss

Das berühmte Mantra, das als Performance im Rahmen eines Fluxus-Festivals aufgeführt wurde, hatte eine Beerdigung am Niederrhein als Inspirationsquelle. Joseph Behufs fiel auf, wie ältere Damen ständig die Wörter Ja und Ne als eine Art Lamentationsfloskel wiederholten. Im Kontext des Beuysschen Gesamtwerks stehen die Worte auch für seine dualistische Weltsicht.


Das malerische Aufsetzen einer roten Nase bei Hans-Peter Feldmann ist ein minimaler künstlerischer Eingriff, der die Dargestellten zu enttarnen und entwaffnen scheint. Der durch Kleidung, Pose und Blick ausgedrückte Status tritt in den Hintergrund und lässt uns auf menschlichere Facetten der Portraitierten blicken.


Peter Dreher
betreibt Malerei wie andere Meditation: Seit über 40 Jahren malt er fast täglich ein leeres Wasserglas. Diese leeren "Container" sind für sich alleine nichts, erlauben aber genau deswegen die Aufnahme und Wiedergabe von allem anderen: die Umgebung und Atmosphäre, die Uhrzeit und Jahreszeit sowie die physische und geistige Verfassung des Künstlers. Die Regelmäßigkeit und Periodizität der Gemälde ermutigt uns zu einer genaueren Betrachtung und zu einem Nachempfinden der speziellen Wahrnehmung von Zeit und Raum beim Malen.


Karin Sander
schickt weiß grundierte Leinwände unverpackt zu Ausstellungen, zu denen sie eingeladen wurde. Von dort aus gehen sie zu weiteren Ausstellungsorten und anschließend zurück ins Atelier, in die Sammlung oder ins Museum. Dabei bekommen die sauberen weißen Flächen Reisespuren in Form von Etiketten, Klebebändern, Packfolie und vor allem Patina. Die Bilder werden zu Zeugen ihrer Reise und dokumentieren diese. Die eigentlich rein logistische Information nimmt jedoch verblüffend malerische Züge an.

Philipp von Rosen Galerie is proud to inaugurate on February 3, 2017 at 7 pm Deutscher Ritualismus (German Ritualism), an exhibition curated by Ignacio Uriarte with works by Joseph Beuys, Anna & Bernhard Blume, Peter Dreher, Hans-Peter Feldmann, Christian Jankowski, Jochen Lempert, Peter Piller, Karin Sander, and Corinna Schnitt.

The exhibition German Ritualism is full of humor – a fundamental component of German conceptual art that is often ignored. It is a fine humor full of poetry and without any sarcasm, that intends to make us laugh at ourselves. Laugh at our desires and obligations, at what society turns us into and at our attempt to break out of social conventions.

In the exhibition, existing, often typical German rules, habits and customs are portrayed, performed, taken to a level of nonsense, broken or reversed. Sometimes the artists develop new rituals out of the old ones, drawing magical, alchemistic or shamanic powers out of banal day-to-day activities and changing our perception of the world, and therefore the world itself.

The exhibition is divided into two areas: The first area (ground floor) is of a documentary nature and presents photographs and videos of reality or of a reality modified by actions. The second area (basement) is structured like a ritualistic prayer room in which a spoken mantra and serial paintings with circle motif put the visitor in a transcendental state.


Ground floor

Corinna Schnitt explains an alleged family ritual that she has been performing since her childhood together with her parents once a month: Cleaning road signs of her home town according to a systematic plan – a kind of over-accomplishment of civic duties that can also be understood as a worship of road traffic regulations.

Christian Jankowski exchanges for the duration of an exhibition the street signs of Frankfurt‘s most expensive and cheapest streets and modifies through this minimal intervention social realities. The reactions of those interviewed show unmistakably their prejudices, hopes and fears as well as their self-conception in regards to origin, class and living environment.

In his student job Peter Piller had to flip through the pages of local daily newspapers regularly to control the correct placement of advertisements. This inspired him to cut out and classify newspaper photographs according to different categories that reveal how a code of petit-bourgeois conduct might exist. The similarities between the seemingly random gestures on these pictures reinforce our suspicion that we are under the influence of learned rituals.

Peter Piller bought and classified approx. 20.000 aerial photographs of houses dating from the years 1979 to 1983. The series Rasenmähen (Lawn Mowing) presents the weekly garden maintenance ritual, usually performed out of a sense of duty more then for fun. The searching and finding of the human figure on the photo though provokes an unexpected, almost childish pleasure in the viewer. From an aerial view the lawn mower‘s stripe-shaped cutting pattern seams like a drawing-intervention in the landscape.

In the context of a petit-bourgoise living room Anna & Bernhard Blume perform a series of movements that appear like a wild dance. The pre-existing order is put out of balance so intensely that objects as well as the artist seem to float and to fall simultaneously. Creational process and destruction, conventionalism and total freedom seem possible at the same time and in the same place.

The biologist Jochen Lempert allows fireflies to walk on top of photographic film in the dark room and captures the traces (the glow as a light source). This way he breaks every photographic convention: The negative is treated as a space and transformed in an almost alchemistic way.

Christian Jankowski performs a primal ritual in a petit-bourgeois context: Hunting packaged food in a supermarket with bow and arrow and paying for it afterwards at the cash register. In this case, the urge for a wilder, closer to nature life seams compatible with the rules of civic behavior.


Basement

A burial in the Low Rhine region was the source of inspiration for this famous mantra that was performed in a fluxus festival. Joseph Beuys noticed that elder ladies repeated constantly the words Ja and Ne (Yes and No) as a kind of repetitive lamentation phrase. In the context of Beuys' oeuvre the words also sum up and represent his dualistic world view.

Painting a red nose is a minimal artistic gesture by Hans-Peter Feldmann that seams to unmask and disarm the portrayed. The status expressed by clothes, pose and look looses its protagonism allowing us to look deeper into the more human and insecure facets of the portrayed.

Peter Dreher practices painting like others meditation: For more than 40 years he paints an empty water glass almost every day. These empty 'containers' are nothing by themselves, but allow for exactly that reason the absorption and reproduction of everything else: the environment and the atmosphere, the time of day and the season, as well as the physical and mental state of the artist. The regularity and periodicity of the paintings encourages us to observe more precisely and to recreate the special perception of time and space while painting.

Karin Sander sends white, unpacked canvases to exhibitions to which she is being invited. From there they travel to other exhibition locations and finally back to the studio, into collections or museums. In this process, the clean white surfaces get travel traces like labels, adhesive tape, foil and especially patina. The paintings become witnesses of their own journey and document it. The purely logistical information has surprisingly painterly qualities.