Sarah Ortmeyer
<i>SABOTAGE</i>
Figge von Rosen Galerie, Cologne
Installation view
Sarah Ortmeyer
<i>SABOTAGE</i>
Figge von Rosen Galerie, Cologne
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Sarah Ortmeyer
<i>SABOTAGE</i>
Figge von Rosen Galerie, Cologne
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Sarah Ortmeyer
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Figge von Rosen Galerie, Cologne
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Figge von Rosen Galerie, Cologne
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<i>SABOTAGE</i>
Figge von Rosen Galerie, Cologne
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<i>SABOTAGE</i>
Figge von Rosen Galerie, Cologne
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Sarah Ortmeyer
<i>SABOTAGE</i>
Figge von Rosen Galerie, Cologne
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Figge von Rosen freut sich über die zweite Einzelausstellung von Sarah Ortmeyer (geb. 1980) in der Galerie.

Zerstörte Holzschuhe, unbelegte Legenden und Liebende, die sich vielleicht nie erkannt haben. Sarah Ortmeyer nimmt Geschichten auseinander, rekombiniert Dinge, die auf den ersten Blick nicht unbedingt zusammen gehören, und deckt dabei ungeahnte Strukturen auf. Die Praxis der Künstlerin erinnert an den von Claude Levi-Strauss in Das wilde Denken (1962) geprägten Begriff der Bricolage, der das grundlegende menschliche Bedürfnis beschreibt, aus dem, was an Zeichen, Bedeutungen und Geschichten zur Hand ist, neue Mythen zu basteln.

Die Arbeit SABOTAGE (2009) besteht aus demolierten Holzschuhen, die über und über den Boden bedecken. Das Wort Sabotage leitet sich wohl von dem französischen sabot = Holzschuh ab und entstand im Zusammenhang mit dem Aufstand französischer Landarbeiter, die, um sich gegen die Mechanisierung der Landarbeit zu wehren, ihre sabots in die Dreschmaschinen warfen. Wichtiger als die Glaubhaftigkeit dieser Etymologie ist die Frage nach den Möglichkeiten der Auflehnung. Vor allem, wenn sich die Feindbilder heute nicht mehr so einfach ausmachen lassen und sich die Landarbeitmaschinen in unsichtbare Informations- und Finanzsysteme verwandelt haben.

Die geballte Faust, universelles Zeichen des Widerstands, verbindet die vier historisch, ideologisch und typologisch eher unvereinbar scheinenden Momentaufnahmen US-amerikanischer Geschichte in FAUST (2009). Was hat die geballte Hand des Kennedy-Attentäters Lee Harvey Oswald mit der Partnerschaftsbekundung zwischen Michelle und Barack Obama zu tun? Wie lässt sich die stolze Faust des Black Panthers Tommie Smith bei der Olympiade 1968 mit George W. Bush vereinen? Die verstörende und zugleich aufbauende Arbeit zeugt sowohl von der Beliebigkeit der Bilder als auch von deren unwiderstehlicher Kraft, Mythen neu zu erschaffen. – Inmitten all des Holzes findet man diese Bildserie auf Streichholzschachteln.

OKKUPATION KOLLOBORATION RÉSISTANCE (2008) beschäftigt sich mit dem Vichy-Regime und dem Pariser Eiffelturm als doppeldeutigem Symbol. Einerseits bezieht sich die Arbeit auf die Legende, dass Anhänger der französischen Résistance 1940 den Fahrstuhl zur Aussichtsplattform sabotiert haben, so dass Hitler bei seinem Besuch alle Stufen hätte hinaufsteigen müssen. Andererseits hat der französische Filmemacher Claude Lanzmann provokant gesagt, er verstehe in der Unversehrtheit Paris’ (und damit auch des Eiffelturms) nach dem Krieg ein Zeichen des Dankes der Nazis an die zwei Drittel der französischen Bevölkerung, die mit den Deutschen kollaboriert haben. So geht auch aus Ortmeyers Skulptur nicht genau hervor, ob der Miniatur-Eiffelturm droht, vom Tisch zu fallen, oder ob er auf der Tischdecke fest verankert steht.

In der Arbeit LA LOVE (2008) geht es um den Mythos der vermeintlichen Liebe. Mit Bildern, die sie aus einem Archiv aus Postkarten, Magazinen, Langspielplattencovern, Briefmarken oder gefundenen Fotos bezieht, entwirft Ortmeyer Liebende, die es in Wirklichkeit so vielleicht nie gegeben hat. Eingebunden in eine Ausgabe des Boulevardmagazins GALA, einem der Hauptorgane der zeitgenössischen Mythenbildung, befindet sich ein Supplement mit Fußnoten zu Ortmeyers Sammlung von Liebenden, die so verschiedene Persönlichkeiten wie den Schachweltmeister Bobby Fischer, Yoko Ono, den Schriftsteller Thomas Bernhard und die Sängerin Nico umfasst. Die Arbeit konfrontiert das Wirkliche und Unwirkliche mit dem Möglichen und fragt danach, wie die Vergangenheit hätte anders verlaufen können. Von den großen politischen und theoretischen Gesten wird das Gewicht hier auf die intimsten Erfahrungen des Einzelnen verlagert.

Der Begriff der Bricolage wird oft im Zusammenhang einer postmodernen Kunstpraxis benutzt, die durch sampeln und das beliebige Zusammenwerfen von Zeichen aller Formen von Repräsentation und Bedeutung entsagt. Ortmeyers Arbeiten ist jede Andeutung postmoderner Ironie oder Beliebigkeit jedoch weitgehend fremd. Bedachtsam widmen sich die Arbeiten den großen Fragen nach Liebe, Freiheit und Widerstand, ohne dabei in die Fallen des Klischees zu tappen. 

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Figge von Rosen is proud to announce its second exhibition dedicated to Sarah Ortmeyer (born 1980).

Demolished clogs, unproven legends, and lovers who even might not have known each other. Sarah Ortmeyer deconstructs things that – at first sight – do not necessarily belong together and discovers, thereby, unexpected structures. The artist’s method resembles Claude Levi-Strauss' Bricolage, a concept developed in his The Savage Mind (1962), that describes the human need to construct new myths out of signs, meanings, and stories that are at hand.

The installation SABOTAGE (2009) consists of chopped clogs that cover the ground. The word "Sabotage" is presumably derived from the French sabot (= clog) and came into being in relation to the uprising of French farm-workers who, in order to fight against the mechanization of their work, threw their sabots in the threshers. More important than the reliability of this etymology is the issue of the possibility of revolt. Particularly nowadays, when the enemy is difficult to detect and agricultural engines are transferred into invisible information- and financial systems.

The clenched fist, a universal sign for opposition, connects the four historically, ideologically, and typologically seemingly unrelated snap-shots of US-American history in FAUST (2009). What has Lee Harvey Oswald's – the Kennedy murderer – clenched fist to do with the demonstration of partnership by Michelle and Barack Obama? And does the proud gesture of the raised fist, demonstrated by Tommie Smith during the Olympic games in 1968, relate to George W. Bush? The unsettling and - at the same time – encouraging work demonstrates the arbitrariness of images as well as their irresistible power to create new myths. The images are printed on matchboxes amidst the whole load of wood that covers the gallery.

OKKUPATION KOLLOBORATION RÉSISTANCE (2008) deals with the Vichy-Regime and the Eiffel tower in Paris as ambiguous symbols. On the one hand, this work is built on the legend of members of the French Résistance who are said to have sabotaged in 1940 the elevator to the towers viewing platform so that Hitler had to walk up all flights when he visited. On the other hand, the French filmmaker Claude Lanzmann provocatively explained that he understood the integrity of Paris (and thus the Eiffel tower) as a demonstration of gratitude of the Germans owed to the two thirds of collaborators of the French population. Accordingly, Ortmeyers sculpture does not reveal whether the miniature Eiffel tower is in danger of toppling off the table or whether it is fixed on the tablecloth.

The topic of LA LOVE (2008) is the myth of assumed love. With images that are taken from an archive of postcards, magazines, covers of albums, stamps, or found photos, Ortmeyer constructs loving couples that probably never have existed in these constellations. An insert that shows footnotes to Ortmeyer's collection of lovers that include diverse personalities like Chess-champion Bobby Fischer, Yoko Ono, the writer Thomas Bernhard, and the singer Nico is bound into an issue of the people magazine GALA, one of the foremost organs of the creation of myths. The work confronts the real and the unreal with the possible and dwells on the question how history could have developed differently. Ortmeyer shifts the weight from large political and theoretical gestures towards the most intimate experiences of the individual.

The term Bricolage is often used in a postmodern practice of art, a practice that renounces any form of representation and meaning by sampling and by arbitrarily combining signs. Ortmeyer's works, though, are far away from any allusion to postmodern irony and arbitrariness. On the contrary, the works are sincerely dedicated to the large questions of love, freedom, and resistance without stepping into the many traps of the cliché.