Bas de Wit
In funny memory of…

Opening June 10, 2022
June 11 – August 27, 2022

Nach einer langen Pause sind wir sehr glücklich, endlich wieder Werke des niederländischen Künstlers Bas de Wit zu zeigen. Für diese Ausstellung hat de Wit mit verschiedenen Abgüssen antiker Skulpturen sowie solchen aus der Zeit der Renaissance und des Klassizismus gearbeitet und seinerseits wieder Abgüsse genommen und diese modifiziert: verzerrt, gestreckt, gestaucht, eingefärbt. Im Ergebnis sehen wir die funny memories of… – Zerrbilder, „lustige Erinnerungen“ dessen, was seit Johann Joachim Winckelmann, dem deutschen Pionier der Kunstgeschichte, mit „edle Einfalt, stille Größe“ beschrieben und zum vollendeten Maßstab allen Kunstschaffens erhoben wurde. Ganz im Gegensatz dazu ist die teils ins Groteske gehende Überarbeitung dessen, woran de Wit erinnert, einerseits amüsant und sie stimmt, andererseits, zugleich nachdenklich: was kann uns als Menschen alles widerfahren, welchen Kräften sind wir ausgesetzt?

Die Ausstellung selbst, der Parcour durch die Skulpturen, erinnert – in der Dichte, in der die Skulpturen zum Teil gestellt sind – an (Gips-)abgußsammlungen, wie man sie von Akademien kennt. Oder auch an die Präsentation der weniger bedeutenden Büsten aus Skulpturensammlungen: statt einzelne Werke hervorzuheben, sie in ihrer Bedeutung durch die Vereinzelung und vielleicht sogar durch eine besondere Form der Beleuchtung zu unterstreichen, werden die Abgüsse / Skulpturen scheinbar wahllos abgestellt, gelagert, gruppiert. Als Besucher bewegen wir uns durch einen aus den vor- und zurückspringenden Objekten gebildeten Korridor. Im Unterschied allerdings zu den klassischen Präsentationsformen ist die Anordnung der Büsten in der aktuellen Ausstellung lebendig und anregend, die Skulpturen sind farbig: Wir erleben nicht den edlen, schimmernden und lichtdurchlässig wirkenden Marmor (oder – im Falle der Abgusssamm­lungen – den ebenfalls weißen Gips), sondern ungewöhnliche Farben, die durch Jahrhunderte geprägte Seherfahrungen unterlaufen, inhaltlich Schwerpunkte setzen, bestimmte Elemente hervorheben und die Skulpturen in eine atmosphärisch völlig andere Welt versetzen. Die repräsentativen Funktionen, die die Gipsabgüsse für die zahllosen Käufer haben können, werden natürlich genauso unterlaufen. Die eigene Grandezza kann der Kleinbürger mit den Werken von Bas de Wit, anders als mit den kommerziellen Reproduktionen der klassischen Skulpturen, nicht in seinem Garten unterstreichen.

Interessant ist auch, wie die Skulpturen entstanden sind: Bas de Wit startet ganz offensichtlich mit einer Gussform, die er vom Original (bzw. der Gipsabbildung des Originals) abnimmt. Durch den Einsatz von absichtlich „falsch“ gemischten Materialien entstehen bei der Trocknung des vorläufigen Abguss Verformungen, die die Form verzerren und reduzieren. Von der so entstehenden Form wird wiederum ein Abguss genommen, der entweder als Grundlage für eine weitere Deformation benutzt wird oder bereits die Grundlage für die Arbeit von Bas de Wit ist. Die Verzerrungen und Veränderungen selbst kann de Wit allerdings nicht steuern, es sind vielmehr chemische Prozesse, die ihm die künstlerische Autonomie ein Stück weit aus der Hand nehmen. Was er allerdings lenken kann, ist die Farbe des Harzes, der in mehreren Schichten, beginnend mit der hellsten Schicht, in die Gussform gegossen und mit Fiberglas-Elementen gefestigt wird. Es ist also, wenn man sich die ursprüngliche Bedeutung des Begriffs „Skulptur“ vor Augen führt, nicht eigentlich eine Skulptur, bei der Material weggenommen wird (aus einem Steinblock eine Skulptur herausholen), sondern vielmehr eine Plastik.

Nur die größten der Arbeiten aus der Ausstellung sind mit ihrer Positionierung hervorgehoben. So auch die Arbeit In funny memory of … Venus de Milo. Das hellenistische Original aus dem 2. Jahrhundert v. Chr., eine Aphrodite (Göttin der Liebe, der Schönheit und der sinnlichen Begierde), befindet sich im Louvre in Paris. Es zählt – zusammen mit der Laokoon-Gruppe und der Nike von Samothrake – zu den bedeutendsten Werken der hellenistischen Kunst. Hier und heute, in der Ausstellung von Bas de Wit, hat die Venus aber nicht nur keine Arme mehr, die auch am hellenistischen Original fehlen, sondern auch keinerlei Ausdruck von Sinnlichkeit. Vielmehr ist das Material schrumpelig, der Gesichtsausdruck gequält, die Figur in ihrer Streckung unnatürlich schlank, und schließlich fehlen die die Fantasie von Millionen Rezipienten anregenden Brüste.

Auch die gleich am Eingang stehende Figur eines gehäuteten Mannes, nach einer Skulptur von Jean-Antoine Houdon, hat diese Alleinstellung. Wieder fehlt ihm nicht nur die Präzision in der Darstellung, die ursprünglich dazu diente, eine Vorstellung von der Ana­tomie eines Menschen zu ermöglichen, sondern auch die Erhabenheit, die nicht nur bei Houdon zu finden war, sondern auch bei den Vorbildern Houdons aus der Antike und der Renaissance. Der Mensch wird hier, bei Bas de Wit, in seiner traurigen und zerstörten Existenz gezeigt.

Während die Plastiken sich auf edle Vorbilder aus der Antike, der Renaissance und des Klassizismus beziehen, sind die Referenzpunkte für die Wandreliefs das, was unter den Stichworten „Crapstraction“ oder „Zombie Formalism“ bekannt geworden ist: schnelle, abstrakte Gemälde, die absichtlich formale, klassische Qualitäten vermeiden. Nur: im Unterschied zu den Werken, die Bas de Wit auf’s Korn nimmt, entstehen seine „Gemäl­de“ in langwierigen, aufwendigen Prozessen. Es sind also eher auch in diesen Fällen (ironische) Imitationen der vermeintlichen Vorbilder.

After a long break, we are very happy to finally show works by the Dutch artist Bas de Wit again. For this exhibition de Wit has worked with different casts of antique sculptures as well as those from the time of the Renaissance and Classicism and has taken casts and mo­dified them: distorting, stretching, compressing, coloring. As a result, we see the epony­mous “funny memories of…” – distorted images, “funny memories” of what since Johann Joachim Winckelmann, the German pioneer of art history, has been described as “noble simplicity, quiet grandeur” and elevated to the perfect standard of all art. Quite in contrast to this, the reworking of what de Wit reminds us of, which sometimes goes into the grotesque, is on the one hand amusing and, on the other hand, at the same time thought-provoking: what can happen to us as human beings, what forces are we exposed to?

The exhibition itself, the course through the sculptures, reminds – in the density in which the sculptures are partly posed – of (plaster) cast collections, as one knows them from academies. Or also the presentation of the less important busts from sculpture collections: instead of emphasizing individual works, underlining them in their significance by singling them out and perhaps even by a special form of lighting, the casts / sculptures are seemingly randomly placed, laid out, grouped. As visitors, we move through a corridor formed by the objects projecting and receding. In contrast to the classical forms of presentation, however, the arrangement of the busts in the current exhibition is lively and stimulating, the sculptures are colorful: we do not experience the noble, shimmering and translucent marble (or – in the case of the cast collections – the likewise white plaster), but unusual colors that subvert visual experiences shaped by centuries, set focal points in terms of content, emphasize certain elements and transport the sculptures into an atmospherically completely different world. The ennobling functions that the plaster casts can have for the countless buyers are of course undermined in the same way. The petit bourgeois cannot emphasize his own grandeur in his garden with Bas de Wit’s works, unlike with the commercial reproductions of classical sculptures.

It is also interesting how the sculptures were created: Bas de Wit – quite obviously starts with a cast that he takes from the original (or the plaster cast of the original). Through the use of intentionally “wrongly” mixed materials, deformations occur during the drying of the preliminary cast, which distort and reduce the form. From the resulting form, a cast is again taken, which is either used as the basis for further deformation or is already the basis for Bas de Wit’s work. However, de Wit cannot control the distortions and changes themselves; rather, they are chemical processes that take artistic autonomy out of his hands to a certain extent. What he can control, however, is the color of the resin, which is poured into the mold in several layers, starting with the lightest layer, and consolidated with fiberglass elements.
So, keeping in mind the original meaning of the term “sculpture,” it is not actually a sculpture in which material is taken away (a sculpture is made out of a block of stone), but rather a cast object.

Only the largest of the works in the exhibition are highlighted with their positioning. This is the case with the work In funny memory of … Venus de Milo. The Hellenistic original from the 2nd century BC, an aphrodite (goddess of love, beauty and sensual desire), is in the Louvre in Paris. It is – together with the Laocoon-group and the Nike of Samothrace – among the most important works of Hellenistic art. Here and now, however, in Bas de Wit’s exhibition, Venus not only is lacking arms, which are also missing from the Hellenistic original, but also no expression of sensuality. Rather, the material is crumpled, the facial expression tortured, the figure unnaturally slender in its elongation, and finally, the breasts, that stimulate(d) the imagination of millions of recipients, are missing.

The figure of a flayed man standing right at the entrance, after a sculpture by Jean-Antoine Houdon, also has this unique position. Again, it lacks not only the precision in depiction that originally served to provide an idea of the anatomy of a human being, but also the sublimity that was found not only in Houdon’s work, but also in Houdon’s models from antiquity and the Renaissance. Man is shown here, in Bas de Wit’s work, in his sad and ruined existence.

While the sculptures refer to noble models from antiquity, the Renaissance and Classicism, the reference points for the wall reliefs are what has become known under the keywords “Crapstraction” or “Zombie Formalism”: fast, abstract paintings that intentionally avoid formal, classical qualities. Only: unlike the works that Bas de Wit takes aim at, his “paintings” are created in lengthy, elaborate processes. So in these cases, too, they tend to be (ironical) imitations of the supposed models.