Christof Mascher
Wohin du gehst, da bist du dann.

November 5, 2022 – January 7, 2023
Opening: November 4, 2022, 19–21 Uhr

Mit Wohin du gehst, da bist du dann. zeigen wir Christof Mascher (*1979, lebt und arbeitet in Braunschweig) zum zweiten Mal in einer Einzelausstellung und freuen uns darüber sehr!

Mit seinem Ausstellungstitel zitiert Mascher Don Winslows Kriminalroman Palm Desert: „Wohin du gehst“ sagt eine unbestimmte Weg- und Zukunftsperspektive an, die Mascher als Zustand der „Sprachlosigkeit“, des „unterbewussten Agierens“ betrachtet, und der Nachsatz „da bist du dann“ hängt dann daran eine scheinbar lapidar dahergesagte Schlussfolgerung an, die gerade deshalb, so Marietta Franke in ihrem Katalogtext zu unser Ausstellung (In einem langen Moment), aus dem wir hier ausführlich zitieren und paraphrasieren dürfen, hellhörig werden lässt.

Gleich eingangs verweist Franke auf die Bezüge zwischen Christof Maschers neuen Werken zu Raoul Dufy, läßt aber auch Mascher selbst zu Wort kommen:

Es geht mir nicht vordergründig um die sichtbaren Bildinhalte. Sie dienen eher als Transportmittel für den Auftrag der Farbe durch Pinselstriche, Linien und weitere Malgesten und die so entstehenden Formen und Flächen, wobei mir A.R. Penck einfällt – von der Fläche zur Form – was auch umgekehrt stattfinden kann.“ Und: „Als Writer (Sprüher) betrachte ich das Malen und Zeichnen als bevorzugte Denkweise und als Haltung zur Welt.

Ich bewege mich auf unsicherem Eis im Sinne eines prozessorientierten Arbeitens, welches von einer Selbstvergewisserung, einer Bestandsaufnahme der aktuellen Wahrnehmung – wo stehe ich, wer bin ich, was sagt mir das Bild, was möchte ich sagen – geprägt ist.

Der Künstler bezieht sein Referenzmaterial sowohl aus der Kunstgeschichte, im Besonderen

  • aus Architekturen und herausgelösten Architekturelementen (zum Beispiel Fenster, Türen, Balkone, Treppen, Zäune, Laternen usw.) verschiedener epochaler/stilistischer Zuordnungen, wie sie auch in Raoul Dufys Wandgemälde La fée électricité (Musée d‘Art Moderne, Paris) zu finden sind, die neu formiert werden,
  • ferner aus Landschaftsdarstellungen als Zusammenspiel von Architektur und Natur,
  • als auch aus visuellen Einflüssen der ästhetisch geöffneten Popkultur wie zum Beispiel mit Zitaten aus Vintage Cartoons, Albumcovern, aus Filmen (zum Beispiel das Architekturzitat von Bates Motel aus Alfred Hitchcocks Film Psycho (1960)) oder aus Videogames, etwa die Knowby Cabin aus dem Horrorfilm Evil Dead, die in dem Epischen Spiel Fortnite 3 (2013) eine Rolle spielt, und anderes.

Eine weitere filmische Quelle für Christof Maschers Malerei ist bei David Lynch zu finden:

Seine verstörenden Traumsequenzen, seine Art, etwas zu erzählen. Nie hat mich etwas mehr beschäftigt, als (der Film) Twin-Peaks (1990/91), einfach alles fasziniert mich hier, angefangen bei der Filmmusik. Ich arbeite an der gleichen Stimmung.

Maschers Bedürfnis, Verbindungen zwischen der Hochkultur und der von Konsum- und Erlebnisbedürfnissen angetriebenen Massenkultur zu finden, hat natürlich auch in Walter Dahn, in dessen Klasse an der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig studiert und 2009 als Meisterschüler abgeschlossen hat, ein erfahrenes künstlerisches Vorbild vor Augen.

Während Christof Maschers frühere Bilder eine dunklere, kältere und manchmal auch erdigere Farbigkeit zeigen, besteht die Farbpalette der neuen Aquarelle und Leinwandbilder in „herrlichen Pastellfarben der 1950er/1960er Jahre“  und in Farben, die in den frühen 1990er Jahren für Jogginganzüge und Sneakers verwendet wurden, die „Early 90’s colorways“, wie er es nennt. Die Bilder kommen mit einer farblichen und bis in die Pinselstriche hineingehenden Leichtigkeit daher, als wäre ein Wind durch seine Malerei geweht, der farbiges, mitunter auch wärmeres Licht mit sich gebracht hat. Die flüchtig angelegten Architekturen und Landschaften erscheinen so, als lägen sie auf leuchtenden Bildschirmen. Diese malerische Elektrifizierung verbindet Christof Mascher ein weiteres Mal mit Raoul Dufy, zeigt aber auch, dass Mascher seine Bilder auf verschiedenen medialen Wegen findet.

Ich beginne mit einer ersten Schicht von Acryl-, Aquarellfarben und wasserbasierten Stiften. Dann gehe ich mit Ölfarben, Ölstiften und manchmal Sprühfarben darüber. Am Ende eines Tages wird das Entstandene auf dem Tablet, PC oder Handy betrachtet und dann digital weitergemalt. So habe ich die Möglichkeit, viel auszuprobieren ohne das Bild zu zerstören.

Die zarten und schnellen Linien bringen die Wahrnehmung an einen Punkt, wo Erinnerungen malerisch gesehen eher verschwinden, als sich auftun, um schließlich einem langen Moment Raum zu geben, der es möglich macht, weiterzumachen und bestenfalls noch einmal anzufangen.

Wir danken Dr. Marietta Franke, Bonn, für Ihren Katalogtext. Der Katalog erscheint im Laufe der Ausstellung.

With Where you go, there you are. we have the pleasure of showing Christof Mascher (*1979, lives and works in Braunschweig) for the second time in a solo exhibition!

With the exhibition’s title Mascher quotes Don Winslow’s crime novel Palm Desert: “Where you go” announces an indeterminate path and future perspective, which Mascher regards as a state of “speechlessness,” of “subconscious action,” and the postscript “there you are” then attaches to it a seemingly succinct conclusion, which for this very reason, according to Marietta Franke in her catalog text for our exhibition (In a long moment), from which we may quote and paraphrase here at length, makes one prick up one’s ears.

Right at the beginning, Franke refers to the references between Christof Mascher’s new works and Raoul Dufy, but also lets Mascher himself have his say:

For me, it is not ostensibly about the visible pictorial contents. They serve more as a means of transport for the application of color through brushstrokes, lines and other painting gestures and the resulting forms and surfaces, whereby A.R. Penck comes to mind – from surface to form – which can also take place the other way around. As a writer (sprayer), I consider painting and drawing as a preferred way of thinking and as an attitude to the world.

I move on thin ice in the sense of a process-oriented work, which is characterized by a self-assurance, an inventory of the current perception – where do I stand, who am I, what does the picture tell me, what do I want to say.

The artist draws his reference material from art history, in particular

  • from architecture and architectural elements (for example windows, doors, balconies, staircases, fences, lanterns, etc.) of various epochs and of different epochal/stylistic classifications, as they can also be found in Raoul Dufy’s mural La fée électricité (Musée d’Art Moderne, Paris), which are newly formed,
  • furthermore from landscape representations as an interplay of architecture and nature,
  • as well as from visual influences of the aesthetically open pop culture, such as with quotes from vintage cartoons, album covers, from films, such as the architectural quote of Bates Motel from Alfred Hitchcock’s film Psycho (1960), or from videogames, such as the Knowby Cabin from the horror film Evil Dead, which plays a role in the epic game Fortnite 3 (2013), and others.

Another cinematic source for Christof Mascher’s painting can be found in David Lynch:

His disturbing dream sequences, his way of telling something. Never has anything captivated me more than (the film) Twin Peaks (1990/91), simply everything fascinates me here, starting with the film music. I’m working on the same mood.

Mascher’s desire to find connections between high culture and mass culture, driven by the need for consumption and experience, naturally has an experienced artistic role model in Walter Dahn, in whose class he studied at the Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig and graduated as a master student in 2009.

While Christof Mascher’s earlier paintings show a darker, colder, and sometimes earthier color palette, the color palette of the new watercolors and canvas paintings consists of “gorgeous 1950s/1960s pastels” and colors used for jogging suits and sneakers in the early 1990s, the “early 90’s colorways,” as he calls them. The paintings come across with a lightness of color that extends into the brushstrokes, as if a breeze has blown through his painting, bringing with it colored, sometimes warmer light. The fleetingly laid out architectures and landscapes appear as if they were on luminous screens. This painterly electrification connects Christof Mascher once again with Raoul Dufy, but also shows that Mascher finds his images in different medial ways.

I start with a first layer of acrylics, watercolors and water-based pencils. Then I go over it with oil paints, oil pencils and sometimes spray paints. At the end of the day, I look at what I’ve created on my tablet, PC or phone and then continue painting digitally. This gives me the opportunity to try a lot without destroying the painting.

The delicate and fast lines bring the perception to a point where memories, in a painterly way, disappear rather than open up, finally giving space to a long moment that makes it possible to continue and, at best, to start again.

We thank Dr. Marietta Franke, Bonn, for her text for the exhibition’s catalog, that will be published in the course of the upcoming weeks.