Florian Schmidt
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July 2 – August 28, 2021

Florian Schmidt
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Ausstellung vom 2. Juli bis 28. August 2021
Eröffnung am 1. Juli 2021, 17-22 Uhr

Fragen an Florian Schmidt zu seiner Ausstellung
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Das Interview führten Warisa Ramcilovic und Philipp von Rosen im Juli 2021.

Philipp von Rosen: In dieser Ausstellung sehen wir Werke aus drei Deiner Werkgruppen: die Revenant und Aftermath-Werke sind in den Jahren 2020 und 2021 entstanden, es wird außerdem ein Werk aus der Serie Deviation aus 2019 gezeigt. Wie unterscheiden sich die Werkgruppen, abgesehen von ihrem sich teils wiederholenden Format, voneinander und wie stehen sie in Bezug zueinander? 

Florian Schmidt: Die einzelnen Serien leiten sich direkt aus der jeweils vorherigen Serie ab. Sie bestehen aus einer Trägerstruktur und einem reliefartigen Aufbau, der auf die Struktur reagiert. Bei Deviation kommt es zu ellipsoiden Abweichungen von der darunterliegenden, unregelmäßigen Rasterstruktur, bei Aftermath hat mich beschäftigt wie reliefartige Ebenen als Replik auf die ursprüngliche Struktur gelesen werden können und diese umformulieren. Als letzte Serie ist Revenant entstanden, bei der Rudimente der Aftermath-Serie räumlich auf den Bildträger appliziert werden. Als Wiedergänger gekennzeichnet, verweilen die einzelnen Elemente in einem Dasein zwischen Zwei- und Dreidimensionalität. Die drei Werkgruppen stehen in einer direkten Abfolge und können als räumliche Schlussfolgerungen verstanden werden.

PvR: Bezieht sich darauf auch der Ausstellungstitel _sequence_

FS: Der Titel betont diesen prozesshaften Werkansatz, der sehr durch physische Handlungsabläufe im Studio geprägt ist. Dabei treten die einzelnen Arbeiten singulär in Erscheinung, stehen aber immer in direkter Korrespondenz. Diese Verbindung soll auch durch die Sonderzeichen angedeutet werden, die verwendet werden, um Eingabefelder zu symbolisieren. In älteren Textverarbeitungsprogrammen führen die Sonderzeichen dazu ein Wort automatisch kursiv zu setzen. Dieses Umspringen von einem in den anderen Zustand schien mir sehr passend für die ausgestellten Arbeiten.

Warisa Ramcilovic: Deine Werke befinden sich in einem Spannungsfeld zwischen Malerei und Skulptur. Warum? 

FS: Die Gleichzeitigkeit dieser beiden Medien ermöglicht es über die Definitionen und Grenzen der einzelnen Medien nachzudenken und daraus neue Identitäten zu bilden, die weder eindeutig zugeordnet werden können, noch voneinander losgelöst existieren. Es ist ein produktives Wechselspiel, das Assoziationsketten in Gang setzt und immer neue Fragen generiert

WR: Die Werke der aktuellen Ausstellung haben durch die dynamische Linienführung eine Beziehung zum Raum und das spielt bestimmt auch bei der Hängung eine Rolle. Site-specific sind sie aber nicht, oder?

FS: Die Beziehung zum Raum spielt eine große Rolle, weil die einzelnen Arbeiten immer in Wechselbeziehung zueinanderstehen und entscheidend durch diese Interaktion geprägt sind. In diesem Sinne kann es schon als site-specific interpretiert werden, weil die einzelnen Elemente erst durch die räumliche und zeitliche Rezeption der Betrachter*innen zusammengefügt werden und dadurch eine temporäre Installation ergeben.

PvR: Man kann im Laufe Deines künstlerischen Werdegangs eine Reduktion beim Einsatz von Farbe beobachten. Die Farbgebung der Werke der aktuellen Ausstellung ist fast schon monochrom. Wie kommt es zu dieser Reduzierung auf einzelne Farben beziehungsweise Farbtöne? 

FS: Der Einsatz von unterschiedlichen Farben hat immer zu einer Hierarchisierung der Bildebenen geführt und einzelne Formen betont. Ich wollte nicht mehr Farbe verwenden, um eine Form zu definieren, sondern durch den Farbeinsatz die Form aktivieren. Als formprägendes Element treten in der Deviation und Aftermath Serie die Außenkanten, Fugen und Schattierungen in Erscheinung, die fein nuancierten Farbunterschiede stellen Beziehungen zwischen den Formen her und führen zu einer heterogenen spannungsgeladenen Struktur. Bei der Revenant Serie modifiziert die Farbe den ursprünglichen Charakter der Form und manipuliert die Wahrnehmung der einzelnen Formen.

PvR: Wie entstehen die Farbtöne?

FS: Bei Deviation und Aftermath entstehen die Farbtöne aus einer Vielzahl teils komplementärer Farbschichten, die mit Pinsel in Lasurtechnik aufgetragen wurden. Die einzelnen Formen weisen ähnliche Farbtöne auf, die aus unterschiedlichen Farbmischungen erzeugt wurden. Bei jeder neuen Arbeit werden die Farbreste der vorherigen Arbeit übernommen und dienen als Ausgangspunkt der nächsten Arbeit. Bei Revenant entstehen die Farbtöne durch eine zusätzliche Nass-in-Nass-Technik, bei der, direkt auf dem Bildträger, neue Farben in den Malprozess eingebracht werden und feine Farbverläufe innerhalb einzelner Formen erzeugen.

WR: Kommen wir abschließend auf die Konstruktion und Materialität Deiner Werke zu sprechen. Wirft man einen näheren Blick auf die Werke, erkennt man teilweise Arbeitsspuren, wie zum Beispiel eingeschlagene, überlackierte Nägel oder Tackernadeln, die das ganze zusammenhalten. Wie sieht der Arbeitsprozess bei der Konstruktion der Objekte aus?

FS: Die Arbeitsspuren sind sichtbare Markierungen eines Arbeitsprozesses, die für mich wichtig sind, weil sie dazu führen diesen Prozess nachvollziehbar zu machen und einem möglichen Illusionismus entgegenwirken. Die Arbeiten sind zusammengesetzt aus normierten und gewöhnlichen Materialien, die durch die Behandlung transformiert werden und nicht aufgrund ihrer Konsistenz etwas symbolisieren. Der Arbeitsprozess entsteht direkt im Studio, ohne Vorlagen oder Skizzen. Ausgangspunkt sind einzelne Elemente vorheriger Arbeiten und gewisse Parameter, die ich für einzelne Serien definiert habe. Innerhalb dieser gesetzten Situation vollzieht sich die Artikulation individuell, willkürlich und intuitiv. Dieses Wechselspiel von Gesetzmäßigkeiten und individuellem Freiraum aktiviert den Arbeitsprozess und führt zur Akzentuierung und Divergenz der einzelnen Arbeiten.

Florian Schmidt
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Exhibition from July 2 to August 28, 2021
Opening on July 1, 2021, 5-10 pm

Questions to Florian Schmidt about his exhibition _sequence_.
The interview was conducted by Warisa Ramcilovic and Philipp von Rosen in July 2021.

Philipp von Rosen: In this exhibition we see works from three of your work groups: the works from Aftermath- and Revenant-series were created in 2020 and 2021, and there is also a work from the Deviation-series that was already created in 2019. Apart from their uniform format, how do the groups of works differ from each other and how do they relate to each other?

Florian Schmidt: The individual series are derived directly from the respective previous series. They consist of a support structure and a relief-like composition that reacts to the structure. In Deviation, there are ellipsoidal deviations from the underlying, irregular grid structure; in Aftermath, I was interested in how relief-like planes can be read and reformulated as replicas of the original structure. As a final series, Revenant was created, in which rudiments of the Aftermath-series are spatially applied to the image carrier. Marked as revenants, the individual elements dwell in an existence between two- and three-dimensionality. The three groups of works are in direct succession and can be understood as spatial conclusions.

PvR: Is this also what the exhibition title _sequence_ refers to?

FS: The title emphasises this processual work approach, which is very much characterised by physical sequences of action in the studio. The individual works appear singularly, but are always in direct correspondence with each other. This connection is also to be suggested by the special characters used to symbolise input fields. In older word-processing programs, the special characters cause a word to be automatically italicised. To me, this jumping from one state to the other seemed very appropriate for the works on display.

Warisa Ramcilovic: Your works are situated in an area of tension between painting and sculpture. Why?

FS: The simultaneity of these two media makes it possible to think about the definitions and boundaries of the individual media and to form new identities from them that can neither be clearly assigned nor exist detached from each other. It is a productive interplay that sets chains of associations in motion and generates ever new questions.

WR: Through their dynamic lines, the works in the current exhibition have a relationship to the space, and that certainly plays a role in the way they are hung. But they are not site-specific, are they?

FS: The relationship to space plays a major role because the individual works always interact with each other and are decisively characterised by this interaction. In this sense, it can indeed be interpreted as site-specific, because the individual elements are only brought together through the spatial and temporal reception of the viewers and thus result in a temporary installation.

PvR: In the course of your artistic career, one can observe a reduction in the use of color. The coloring of the works in the current exhibition is almost monochrome. How did this reduction to individual colors or color tones come about?

FS: The use of different colors has always led to a hierarchisation of the picture planes and emphasised individual forms. I no longer wanted to use color to define a form, but to activate the form through the use of color. In the Deviation- and Aftermath-series, the outer edges, joints and shading appear as form-defining elements; the finely nuanced differences in color establish relationships between the forms and lead to a heterogeneous tension-filled structure. In the Revenant-series, the color modifies the original character of the form and manipulates the perception of the individual shapes.

PvR: How are the color tones created?

FS: In Deviation and Aftermath, the tones are created from a multitude of, partly complementary, layers of paint applied with brushes in a glazing technique. The individual forms have similar color tones created from different mixtures. With each new work, the color residues of the previous work are adopted and serve as the starting point for the next work. In Revenant the color tones are created through an additional wet-on-wet technique, in which, directly on the image carrier, new colors are introduced into the painting process and create fine color gradients within individual forms.

WR: Finally, let’s talk about the construction and materiality of your works. If you take a closer look at the works, you can see traces of work in some cases, such as nails that have been hammered in and overpainted or staples that hold everything together. What does the working process, when constructing the objects, look like?

FS: The traces of work are visible markings of a working process, which are important for me because they lead to making this process comprehensible and counteract a possible illusionism. The works are composed of standardised and ordinary materials that are transformed by the treatment and do not symbolise anything because of their consistency. The working process formes directly in the studio, without templates or sketches. The starting points are individual elements of previous works and certain parameters that I have defined for individual series. Within this set situation, the articulation takes place individually, arbitrarily and intuitively. This interplay of regularities and individual freedom activates the working process and leads to the accentuation and divergence of the individual works.

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